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Tierfreund

Jakob führt eine Familie zusammen.

Jakobs Mama war vollauf begeistert, befand sich doch gerade der Sohn von Schnecki (oder war es doch die Tochter? So genau kann man das bei Schnecken ja nicht sagen) auf dem Weg zu ihrem Salatblatt. Das wäre ja nun eigentlich nicht so erwähnenswert, wenn dieses Salatblatt nicht mittig auf dem Esstisch in unmittelbarer Nachbarschaft des Fleischtellers gelegen hätte. Der Teller mit Grillfleisch sollte ursprünglich von der Küche in den Garten getragen werden, wo der Grill bereits glühte und der Tisch gedeckt wurde.
Der Garten war neben Schwimmbädern der Ort, an dem sich Jakob am liebsten aufhielt. Mit seinen sieben Jahren kümmerte er sich mit Vorliebe um alles im Garten, Hauptsache man konnte es ausbuddeln, ausreißen, beklettern, wegschießen, jagen oder auch mal behüten, aber letzteres eher selten.

Eigentlich war Jakob auch diesmal wieder auf dem Weg in den Garten. Zuvor sollte er jedoch das Grillfleisch von der Küche zu seinem Vater auf die Terrasse bringen. Nachdem es der Fleischteller die drei Meter bis ins Esszimmer geschafft hatte, überkam Jakob der Gedanke, jetzt aber mal ganz schnell auf Klo zu gehen.  Solche plötzlichen dringlichen Aktionen sind bei Jakob normal und bei den Eltern sowohl hinlänglich bekannt als auch akzeptiert. Nun gut, gelegentlich nervt so was auch mal, aber man hat ja keine wirkliche Wahl. 


„Papa, kommst Du, wenn ich rufe?“ trötete der kleine Mann während er mit den Händen im Schritt zum Klo rannte.
„Nö, kannst Dir selber den Hintern abputzen“, war die lapidare Antwort seines Vaters.
„Mama, kommst Du, wenn ich rufe?“, kam es jetzt etwas fordernder aus dem Klo.
„Ja ich komme gleich!“.
Da bemüht man sich als Vater um eine klare Linie in der Erziehung und darum, dass das Kind vor eigener Eheschließung selbst seinen Hintern in Ordnung bringen kann, und dann wird man vom weiblichen Elternteil erbarmungslos ausgebremst. Jakobs Mama ließ auch erwartungsgemäß alles liegen und begab sich auf den Weg zur Toilette. Aber bevor sie zu Jakob hineingehen konnte, rannte diese bereits hinaus. Rennen ist wohl der falsche Ausdruck. Er stolperte mehr als dass er lief, da seine Hose noch auf Halbmast zwischen seinen Knien die Bewegungsfreiheit enorm einschränkte.
„Ich dachte, ich soll Dir den Po abwischen!“, rief ihm seine Mama hinterher.
„Nicht nötig Mama, ich musste gar nicht!“ Da überkam Jakobs Papa schon ein klein wenig die Schadenfreude.
„Zieh Dir aber zuerst die Hose vernünftig hoch, bevor du noch hinfällst!“ Jakobs bremste etwas zu abrupt ab und fiel wie befürchtet hin. Da man jetzt bereits auf dem Boden lag, konnte man ja auch gleich die Lage dazu nutzen, das Beinkleid in die richtige Position zu rücken.

Als Jakob jedoch wieder einsatzbereit war, hatte er doch glatt vergessen, dass da noch ein voller Fleischteller auf den Weitertransport wartete. Auch hatte er vergessen, dass gegrillt werden sollte. Und somit begab er sich vorbei an dem Fleischteller von der Küche durch das Esszimmer auf die Terrasse und, unter kurzer Kurskorrektur am heißen Grill, zu seinem Gartenhäuschen. Minuten später fiel ihm dann ein, dass er hungrig war. „Mamaaaaa“ es folgte eine kurze Pause um dem Schall die Zeit zu geben, den Weg zu Jakobs Mamas Ohren zu finden. Jakobs Papa war hierbei extra nicht gerufen worden, der war ja taub, was man allerdings nicht sagen durfte, denn sonst wäre Jakobs Papa ganz traurig geworden, weil er ja bekanntermaßen ein „Audiophiler“ ist. Und wenn das dann mit den Ohren nicht so richtig funktioniert, dann war es das mit dem „Audiophil“.
Es dauerte eine Weile und irgendwie hatte Jakobs Mama in der Küche das Gefühl, dass sie gerufen worden sei. Jakobs Papa hingegen stand auf halber Strecke am Grill und hörte dem fröhlichen Geflatter der aufstrebenden Grillkohle-Flammen zu. Der Ruf seines Sohnes streifte kurz sein Bewusstsein wurde dann beim Durchlauf der Wahrnehmungsfilter jedoch als „nicht zu beantworten“ eingestuft und erstmal in Ablage „P“ befördert.
„Jaaaa mein Schatz … hast Du mich gerufen“ Hallte es aus der Küche durch das Esszimmer, Wohnzimmer, über die Terrasse vorbei an Jokobs Papa, über den Rasen bis ins Gartenhäuschen.
„Jaaaa Maaammmaa, wann gibt es Essen.“ Pause..“Ich habe nämlich Hunger.“
Jakobs Papa stutze kurz… Ablage „P“
„Jetzt gibt es Essen! Papa grillt doch“
Jakobs Papa musste kurz bestätigend nicken, und trank etwas von seinem alkoholfreiem Bier, dass er sich gegen die große Grillhitze bereits mit nach draußen genommen hatte. „So ist es!“ sagte er mehr zu sich selbst, so leise, dass er es kaum selbst hören konnte.
„Was hast Du gesagt?“, rief Jakobs Mama jetzt wieder aus der Küche durch das Esszimmer, Wohnzimmer, vorbei an Jakobs Papa bis zum Gartenhäuschen.
„Ich meinte, wann es etwas zu Essen gibt. Ich habe Hunger“ kam die Antwort aus dem Gartenhäuschen, vorbei an Jakobs Papa durch’s Wohnzimmer, Esszimmer bis in die Küche.
„Der Papa grillt doch. Habe ich gesagt. Sei nicht so ungeduldig!“ Klang es jetzt bereits etwas ungehaltener aus der Küche durch das Esszimmer, Wohnz…..
In diesem Moment flog ein Sportflieger über die Gärten, und das Gesagte war nun nur noch schwer zu verstehen.
„Boooohh Mama ich hab gefragt wann es was zu essen gibt!“ wurde jetzt mit Nachdruck aus dem Gartenhaus geschrien, über den Rasen, vorbei an Jakobs Papa…..
„Pappppaaa GRILLT und es gibt JETZT was zu essen!!!!“
„Was gibt es denn zu Essen? Ich habe Huuuuunger?“ Kam es wieder lautstark aus dem Gartenhäuschen, über den Rasen, vorbei an Jakobs Papa durchs Wohnzimmer, Esszimmer bis in die Küche.
„Waaaas?“, rief da Jakobs Mama aus der Küche durch das Esszimmer, Wohnzimmer. Und diesmal verfing sich der Schall in Jakobs Papas Nervenbahnen. Irgendwie war jetzt der Zeitpunkt gekommen nicht mehr taub zu sein. Die Gefahr jetzt als Vermittlungsstelle zwischen den zwei „Fernsprechern“ fungieren zu müssen, war nichts gegen die Gefahr, langsam durchzudrehen im Frage-Antwort-Hin-und-Her.
„Meine Güte Jakob, Ich grille und warte nur noch auf das Fleisch, das Du, sofern ich richtig informiert bin, zu mir tragen solltest!“
„Was hast Du gesagt?“, schallte es aus dem Haus.
„Nichts mein Schatz. Ich habe mit Jakob gesprochen, und dass ich noch auf das Grillfleisch warten würde.
„Hat Jakob Dir schon das Grillfleisch gebracht?“
„Nein, aber darum geht es doch bei dem worüber ich gerade mit Jakob gesprochen habe!“
„Jakob soll Dir das Fleisch rausbringen!“
„Ja ich weiß!“
„Und dann sage Jakob, dass wir jetzt grillen wollen!“
„Ja.. meine Socke noch mal… ja!“ Socke war mit Bedacht gewählt, denn ein richtiges Schimpfwort hätte vielleicht falsch verstanden werden können und man wollte ja keinen Ärger!
„Du brauchst gar nicht so genervt mit mir zu reden. Hörst Du!“ Den Tonfall kannte Jakobs Papa. Jetzt war Vorsicht angesagt. Bloß keine blöden Kommentare jetzt!!!
„Jakobbbbb, komm jetzt mal in die Hufe und hole das Fleisch endlich nach draußen!“ Dann stellte Jakobs Papa seinen Bierkrug, den er erst vor kurzem von seinem Kleinen geschenkt bekommen hatte, ab und ging die paar Meter ins Haus. Auf halbem Weg kam ihn schon Jakobs Mama entgegen. Ihr Gesichtsausdruck war unmissverständlich und bekräftigte noch mal nachhaltig die zuvor getroffene Einschätzung des Tonfalls.
„Duuu, mein Schatz, der Grill ist jetzt startklar und das Wetter ist toll und der Salat, den Du da in der Hand hast, sieht ja wohl so was von lecker aus mit den Feta-Käse darin… bestimmt ein Gedicht. Du bist meine kleine geliebte Göttin.!“
Jetzt strahlte Jakobs Mama ihren Grillmaster an und die Sturmfalten zogen wieder blank. „Puhh das war knapp!“, dachte sich Jakobs Papa.
„Alle Achtung, da hat er aber noch mal die Kurve gekriegt!“, dachte Jakobs Mama.
„Ich habe Hunger, und wann gibt es endlich was zu essen!“ rief Jakob aus dem Garten.
„Du Papa schau mal, das ist Schneckis Sohn.“ Dabei hielt Jakob seinem Papa die ausgestreckte Handfläche unter die Nase. Tatsächlich, auf Jakobs Hand kroch eine Schnecke. Dabei zog sie die kleinen Fühler immer wieder ein, um sie im nächsten Moment wieder tastend nach vorn zu strecken.
„Woher weißt Du denn dass Schnecki ein Junge ist?“
„Paaapaaa.. ist doch klar, weil Schnecki eben der Vater ist von seinem Sohn!“ Dabei lachte der kleine Racker seinen Vater ein klein wenig aus.
„Ach so. Entschuldige. Stimmt; Schnecki ist ja der Vater. Aber woher willst Du wissen dass das hier sein Sohn ist und nicht seine Tochter?“
„Hmm will… weißt Du… hmmmm achm.. der hier heißt eigentlich Schnecko. Eine Schwester, also ein Mädchen würden eben Schnecka heißen. Ist doch klar oder… Papa?“
Jakobs Papa überlegte einen Moment um dann noch einen kleinen Einwand anzubringen.
„Ja bei Schnecken weiß man das eben nicht so genau, ob es Junge oder Mädchen ist. Da braucht man schon eindeutige Namen! Aber wer weiß. Ich meine mal gehört zu haben, dass Schnecken durchaus zweigeschlechtlich sein können. Aber so genau weiß ich das jetzt auch nicht!“
„Zwei … was?“
„Zweigeschlechtlich!“
Jakob guckte seinen Papa fragen an. Irgendwie schien er ihm nicht so den Glauben zu schenken.
„Haben die Jungs dann zwei Penisse? Oder wie geht das?“
Jakobs Papa gab sich erfolgreich Mühe, jetzt nicht zu lachen oder blöde Kommentare zu machen.
„Das ist wenn eine Schnecke sowohl Mädchen als auch Junge ist!“
Jakob guckte seinen Papa noch immer mit großen ungläubigen Augen an.
„Ach komm vergiss es. Schnecko ist ein Junge. Das sagt ja schon der Name. Blöd ist wer was anderes denkt!“
Schlagartig löste sich Jakobs Mine, und der kleine Naturkundler sprang fröhlich seiner Wege.

„Jakobbbb… Also… also, das geht aber jetzt wirklich zu weit. Was soll dass denn da sein? Da kriecht etwas über den Esstisch.“
Panisch schallte es aus dem Esszimmer. Jakob war jetzt erstmal sprachlos und etwas geschockt wegen der unerwarteten Reaktion seiner Mutter. Er hatte seine Schnecke doch lediglich auf den Esstisch kriechen lassen, damit sie in Ruhe den Salat essen konnte, den er ihr vorab dort so schön drapiert hatte.
„Das ist doch nur Schnecko … mein Schatz. Unser Sohn hat den Sohn von Schnecki aus den Garten gerettet.“ Rief Jakobs Papa wissend, da bereits mit den Familienverhältnissen vertraut, seiner Frau zu.
„Ja aber der kann doch nicht diese Schnecke einfach zwischen dem Essen hier rumlaufen lassen!“
„Mama“, erwiderte jetzt Jakob der seine Stimme wiedergefunden hatte. „Mama das ist Schnecko und ich muss mich jetzt um ihn kümmern, damit er seinen Vater wiederfindet.“
„Aha.. und wo ist Schneckos Vater denn?“
„Der ist auf dem Schulhof. Den habe ich da letzte Woche gefunden. Der ist viel größer als Schnecko und heißt Schneck….. der heißt Schnecki .
Ein paar Minuten später kam Jakob mit Schneckis Sohn samt Salatblatt auf der Handfläche aus dem Haus gelaufen. Auf die Frage, ob er denn Schnecko mitnehmen würde zur Schule, antwortete er lediglich, dass Schnecko ein Wildtier sei und seine Freiheit bräuchte, und darum würde er Schnecko jetzt mitsamt Verpflegung (Das Salatblatt würde ja sicherlich einige Tage vorhalten) im Garten aussetzen. Sie würden sich dann zwar wahrscheinlich nicht mehr wiedersehen, aber damit müsse er dann eben leben. „Alles hat seinen Preis! Weißt Du Papa?“
„Sooo, und jetzt ist aber genug gelabert. Ich habe jetzt einen Bären-Hunger.“. tat er dann recht autoritär kund. Und um seinem Gesagten noch den nötigen Nachdruck zu verleihen, zog er seine Stirn ganz gewaltig in Falten und brüllte wie ein Löwe!“
“Bevor Du Dir jetzt aber eine Wurst in die Hand nimmst, gehst Du noch ins Bad und wäschst Dir Deine Hände!“
„Ach Papa, die hellen Streifen hier, das ist kein Dreck. Das ist doch nur von Schnecko!“

Guten Appetit !!

Kategorien: Jakobs Tagebuch | 1 Kommentar

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Sara am :

„Nö, kannst Dir selber den Hintern abputzen“ Schön gekontert :-D

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