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Gut, Böse, Konsequenz


Womit fängt man denn jetzt eigentlich an? Erzählt man zuerst vom Guten oder zuerst vom Schlechten?
Ich fange mal bei Gut an!
Am Montag war ich mit Jakob in Aachen in der Stadt und wollte (weil zu warm und keine Lust, Abendessen zuzubereiten) im Nudelhaus am Markt frische Nudeln usw. einkaufen. Als ich dann ins Restaurant ging, musste ich zu meinem Erschrecken feststellen, dass sämtliche Auslagen leer und geputzt waren. Kein Teller, kein Topf und auch keine Nudel war irgendwo auszumachen.
„Oh“, sagte ich zu einer netten jungen Frau, die offensichtlich im Nudelhaus beschäftigt war.
„Haben sie noch nicht geöffnet?“
Sie lächelte mich freundlich an und meinte: “Nein, wir haben bereits Feierabend!“
Ein Blick auf das Schild mit den Öffnungszeiten sagte mir unmissverständlich, dass bereits seit ca. einer Stunde geschlossen war.
Mir schoss die Panik in die Knochen, hatte ich doch meinen Leuten leckere Lasagne und Tagliatelle vom Nudelhaus versprochen.
Ich sagte nur noch kleinlaut: „Ist Montag..... heute?!“

Die junge Frau hatte Mitleid mit dem armen Mann mit dem kleinen Rabauken an der Hand. Sie ließ Putzlappen, Schrubber und Co.  liegen und stehen und kramte alles wieder aus der Kühlung, um mir mein Abendessen zu sichern!
Klasse, In diesem Moment war sie meine Göttin. ;-)

Etwas später ging ich, bewaffnet mit Nudeln und Lasagne, die Fußgängerzone vom Markt hinunter zum KKG (Kaiser Karls Gymnasium), als ein Fahrradfahrer vorsichtig im Schritttempo die nahezu leere Gasse hinunterfuhr.
„Absteigen!“, tönte es laut und aggressiv unweit von mir. Ein älterer Mann, etwa 60/65 Jahre alt, brüllte den Fahrradfahrer an:“ RADFAHRER ABSTEIGEN! ………. DU BLINDES A…LOCH!“ (Den Rest bitte denken, denn sowas schreibt man nicht öffentlich!)
Ich zuckte zusammen und war erstmal gelähmt.
Dann kam Jakob die Gasse fröhlich hintergehüpft, schaute sich den alten Mann an und rief dann in meine Richtung: „Papa, da oben steht so ein blaues Schild mit einem Fußgänger und einem Fahrrad drauf!“ 
Böse böse……


Noch immer Montag, zwischen Nudelhaus und Radfahrerbeschimpfung. Jakob hat sich, während ich meiner „Göttin“ aus dem Nudelhaus dabei zusah, wie sie meinen Abend rettete, zum Spielwarenladen um die Ecke abgeseilt.
„Papa, kann ich solange nach Kunterbunt?“ hat er mich mit seinen Kulleraugen incl. Augenaufschlag gefragt.
„Ja, aber kauf nicht den Laden leer!“, ermahnte ich ihn noch scherzhaft.
„Also nur Gucken nicht Anfassen?! Habe verstanden, Papa.“
Nachdem ich dann meine Nudeln bekommen hatte, war von Jakob noch keine Spur auszumachen. Dann musste ich wohl oder übel in die Höhle der elterlichen Prüfsteine, in den Spielwarenladen.
Hierbei muss erwähnt werden, dass Kunterbunt schon eine Sonderstellung unter den Spielwarengeschäften einnimmt. Hier gibt es keine Revellbausätze und Eisenbahnen. Die gibt es zwei Häuser weiter umfassend und in Vollendung bei Hünerbein. Bei Kunterbunt gibt es Holzmurmelbahnen, Vexiere, kleine mechanische Wunderwerke aus Blech, bunte Drachen, Spielfiguren, Ritter, Drachen, Bauernhöfe aus Holz, also alles was ein Kinderherz höherschlagen lässt, sofern es einen Funken Werbmittelresistenz besitzt und nicht vollends ’vervirtualilisert’ ist.
Ich suchte in der oberen Etage des Ladens dann in der mittleren und letztendlich ganz unten. Kein Jakob.
Leise aber auch laut genug, um eventuell gehört zu werden, rief ich: „Jakoooob“ 
Keine Antwort, kein Jakob, aber eine Mitarabeiterin des Ladens deutete mit einem Grinsen auf eine Regalreihe an der gegenüberliegenden Seite des Ladens. Da sah ich ihn. Absolut versunken prüfte er jedes ausgestellte Stück mit Kennermine auf Optik und Haptik. Schwerter, Schilde, Bälle und was sonst noch die gestressten Eltern in Erklärungsnotstand bringen kann, wenn Kind sich für ein Teil entschieden hat.
Plötzlich wie aus dem Nichts materialisierte Jakob direkt vor mir und riss mich aus meinen Vorahnungen.
Ich ging in die Offensive ohne, dass das Spiel offiziell eröffnet worden wäre.
„Komm mein Schatz, wir gehen. Die Mama wartet schon zuhause!“
Bereitwillig nahm er meine Hand und ging wortlos neben mir her. Eben genau so wie man es gerne hätte um den anderen Eltern zu zeigen: „Na, da guckt ihr. Geht doch!“
Als wir den Ausgang erreicht hatten, kam die Gegenoffensive. „Papa warte, ich muss dir noch etwas zeigen!“
Gezeigt wurde ein Ball an einem Gummiband mit einem Handgelenkschweißband an dem das Gummiband verknotet war, also quasi ein `Bummerangball`.
„Der ist doch toll oder, Papa!“
„Ja, die Idee ist schon gut. Das gebe ich zu. Aber haben musst Du ihn nicht!“
„Du kannst mir ja  das Geld leihen.“
„Könnte ich, will ich aber nicht.“
„Warum denn nicht Papa. Der ist doch gut!“
„Weil Du eben nicht alles haben musst, was Du siehst, auch wenn es noch so gut ist!“
„Papa, warum kann ich das denn nicht haben!“
„Das ist mir jetzt wirklich eine Prinzipfrage. Wenn ich davon ausgehen muss, dass du bei jedem Besuch bei Kunterbunt etwas kaufen musst, dann lasse ich dich nur noch dahin, wenn du Geburtstag hast, oder ich dir tatsächlich etwas kaufen will. Man kann auch nur mal so gucken.“
„Ich hab ja nur mal so geguckt!“
„Gut so, dann lass es auch dabei!“
„Aber dann habe ich den Bummerangball gesehen.“
„Dann guck jetzt weg und komm!“
„Papa, ich will das aber haben!“
„Das gibt es aber nicht, und basta!“
Jetzt müsste eigentlich die Phase 2 eingeläutet werden, Knatschen. Aber das ist nicht Jakobs Ding. Das geht subtiler.
„Papa, du kannst ja schonmal vorgehen. Ich guck nur noch mal, was der Ball kostet.“
Ich ging also etwas zögerlich, aber ich ging. Nach ca. 20 Metern hörte ich erstmal den besagten alten Mann den Fahradfahrer anschnauzen. Dann sah ich mein Kind die Strasse herunterhüpfen und  wie er  den alten Mann provokant anstarrte, während er mir das Schild am Straßeneck beschrieb.
„Papa, der Ball kostet 3,95 Euro.!“  verkündete er mir, nachdem der alte Mann vor den Kinderblicken die Flucht ergriffen hatte.
„Oh, das ist aber echt kein zu teuerer Preis für dieses Spielzeug.“ sagte ich mit echtem Erstaunen.
„Papa, das ist ein sensationeller Preis für so ein Sportgerät!“, entgegnete der kleine Rhetoriker.
„Du musst mir nur 90 Cent leihen. Ich habe 3 Euro und 5 Cent.“
Langsam kam ich in Begründungsnotstand, blieb aber in der Sache hart. Mein Gott ist das schwer!
„Dann behalte die 3 Euro, denn ich behalte meine 90 Cent und wir können darüber reden, wenn wir noch mal hier sind und du genug Geld dabei hast!“
„PAPA, Gib mir jetzt bitte die 90 Cent! Und außerdem habe ich 3 Euro und 5 Cent, denn sonst müsstest Du mir 95 Cent leihen.“
Und wieder einmal wackelte die Verweigerungsfront eines Erziehungsberechtigten. Jakob hatte wohl genau dieses Wackeln bemerkt und wollte diese Chance nicht ungenutzt verstreichen lassen. Leider machte er dabei einen verhängnisvollen Fehler.
„Papa, die Mama hätte mir das schon längst gekauft!“
„Das glaube ich nicht!“ hielt ich dagegen.
„Doch, da habe ich meine Methoden, wie ich die Mama weichkriege .“
„Und welche Methoden sind das?“, fragte ich jetzt neugierig geworden auf kindliche Weichkriegmethoden.
„Ach Papa das musst du nicht alles wissen. Aber die Mama sieht, dass das eine tolle Sache ist und kauft mir das. Und bei dem Preis, Papa…“
So jetzt war mal wieder ich der Doof, der den Wert des Teils nicht versteht und, im Gegensatz zur Mama, auch die Preiswürdigkeit nicht erkennt. Aber wer A sagt muss auch manchmal B sagen. Ich sagte also B.
„Alles schön und gut, dann überredest du eben demnächst Deine Mutter. Ich habe jetzt Nein gesagt. Die Gründe kennst du und gut ist!“
Auf der Fahrt nach Hause kamen noch ein paar bockige Kommentare (wie blöd ein Vater eigentlich sein müsste um seinem Sohn ein solches Schnäppchen zu vereiteln usw.), jedoch ging sonst alles stressfrei ab.
Zuhause wurde erstmal die Beute, vier Lasagne, davon je zwei Bolognese und zwei Spinat, ausgepackt und vertilgt. Selbst Jakob hat nach profilaktischer Verweigerungshaltung die Spinatlasagne in sich hineingeschaufelt. Genau wie von meinem Lieblingsgrillgut, einfache grobe Bratwurst (keine Bratmaxe oder diese weißen Dinger, Grillwürste usw.), muss ich demnächst auch von der Spinatlasagne eine Portion mehr kaufen, weil Jakob mindest 1 ½ Portionen vertilgt. Oh Gott, er wächst wohl im Moment! Warum muss das immer so schnell gehen mit dem Wachsen. Und irgendwann kriegt er Pickel und schließt die Badezimmertür ab! Ist doch grausam der Gedanke..... oder?!
Ich räumte anschließend nur halbsatt den Tisch ab. Als ich die zweite Fuhre abgefressener Teller vom Esstisch räumen wollte, sah ich Jakob ganz satt und noch satter grinsend in den Armen seiner Mama auf der Eckbank sitzen.
„Was gibt es denn, was euch beide so fröhlich stimmt? Lasst mich teilhaben!“ sagte ich gut gelaunt (trotz Küchendienst).
„Also“, richtete meine Frau das Wort an mich. „Ich hätte Deinem Sohn den Bummerangball gekauft. Ist doch toll so ein Sportgerät!“
Ich schaute Jakob mit Düstermine an und schüttelte leicht den Kopf. Jakob schaute zurück und triumphierte, wobei er wieder diese wegwerfende Handbewegung machte. Mit „Papa gibst Du mir noch ein Eis aus der Kühle!?“, überspielte er gekonnt die Situation.
„Oh, haben wir Eis hier?“ fragte ich erstaunt nach.
„Ja Papa, und ich hätte gerne das Magnum Gold“
„Ja prima, das liebe ich auch über alles. Dann nehme ich uns zwei heraus.“ Und mit Blick auf meine Frau: „Möchtest Du auch ein Eis?“
„Nein“, sagte sie. „Ich habe keine Lust auf Eis. Und außerdem ist nur noch ein Magnum Gold da!“
Mit Blick auf meinen Sohn setzte ich zu einem strategischen Überredungsmanöver an:“ Jakob…“, weiter kam ich nicht!
„Nun komm, lass dem Kleinen das Magnum. Das ist sein Lieblingseis!“
Jakob strahlte und ich hörte die Triumphfanfaren. Jetzt weiß ich, dass es nicht ein Tinnitus ist, der mich quält, sondern das Gekreische besagter Fanfaren.
„Papa, die Mama hat gesagt, dass ich mir von meinem Taschengeld ruhig diesen Ball kaufen kann. Aber vielleicht bringt sie ihn mir auch demnächst mal mit!“
Niederschlag!!!!  Warum sind meine Leute so grausam zu mir? Großer armer d.. Bär.
Aber da fällt mir ein, ich habe ja auch Taschengeld und davon gehe ich mir jetzt bei <Zammatteo> einen Amarenabecher  holen, lecker sag ich!  Möchte vielleicht jemand…… ;-)

Aber dazu kam es dann doch nicht. Jakob hat mir doch tatsächlich das halbe Magnum Gold angeboten. Ich habe auch angenommen und es ihm nach ein paar Schleckern wieder zurückgegeben, denn diese großen Augen klebten am Eis, tapfer, stolz  aber auch trauernd. Das hält kein Vater aus! Tja, und was soll ich sagen, ich war rundum zufrieden, und vielleicht bring ich meinem Stinker demnächst den Ball mit.

Gestern waren wir Drei dann in der brütenden Nachmittagshitze unterwegs und Jakob bestellte sich eine Cola in einem Bistro am Markt. Als der Kellner fragend in unsere Richtung guckte, meinte Jakob zu ihm: „Das geht schon in Ordnung. Machen sie nur!“ Der Kellner war mittelschwer erstaunt über diese Aussage eines  Achtjährigen, und fragte noch mal nach: “Bezahlst Du denn auch selbst oder bezahlt dein Papa?“
„Nein, die Mama kauft mir, der Papa macht mit mir!“

Kategorien: Aus meinem Leben | 1 Kommentar

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Hannelore am :

Hahahahahahahahaha, zu schön !

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