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Jakob, Mama und Phobie (Fortsetzung)

Lies vorab den ersten Teil der Geschichte und lass Dich überraschen von ... Was bisher geschah (Teil1)

„Mama, <kotzen> sagt man nicht“. Jakobs Entrüstung war jedoch nicht wirklich echt.
„Weist Du, die Anna..“ fuhr Jakob fort. „Die Anna hat zwar nicht gekotzt, aber so laut gerülpst“, dabei brummte Jakob so laut er eben brummen konnte und so lange er konnte. „Mama das war soooo widerlich, aber alle haben gelacht.“, und um seine Aussage zu unterstreichen, wiederholte er das Brummen noch mal, jedoch in einer etwas variierten Tonlage, die wohl Annas Stimme ähneln sollte.

Die weiteren Erläuterungen zu Annas Rülpsambitionen (das Kind ist 10 Jahre alt und gerade in der Phase, in der die Gräten schneller wachsen, als der Geist deren Koordination auf die Reihe kriegt) hörte sich Jakobs Mama zwar nicht ganz freiwillig aber dennoch dankbar an. Dieses Thema war ideal, um vom akuten Naturerleben ihres Jakobs abzulenken. Der Angstschweiß auf ihrer Stirn begann zu trocknen, und der Puls war schon fast wieder auf Normalniveau. Aber leider spielt das Leben manchmal wie ein schlechter Aktion-Schocker Kinofilm. Der Kinobesucher wähnt die Helden vor dem Monster in Sicherheit als gerade dieses unerwartet, und begleitet von ohrenbetäubendem Stakkato, zum finalen Schlag ausholt.
„Der Wurm ist fast so groß wie eine kleine Schlange!“ –Zack- da war das Monster auferstanden und Jakobs Mama fiel in Schockstarre.
„Aber Mama, kannst beruhigt sein. Das ist keine Schlange. Eine Schlange schleimt nicht alles voll und ist auch etwas schneller, glaube ich!“ Der ‚finale’ Schlag saß.
Die Augen der leidenden Mutter wurden immer größer und der Mund öffnete sich langsam.
„Man kann genau sehen wo er gekrochen ist, der Wurm. Da ist so ein fester Schleim, mit Fäden. Und wenn der Wurm kriecht, dann zieht er sich zusammen und dann wieder auseinander, und dabei zieht er so Schleimfäden, weist du Mama.“ Schweigen, keine Reaktion von Mama.
„Mama, komm doch mal gucken!“ Stille.
„Mama? Wo bist Du Mama? Du bist doch nicht im Auto, oder? Du darfst auf keinen Fall über Wurmi fahren! Hast Du gehört!“.
Das Etwas hatte also schon einen Namen, <Wurmi>.
„Mama- Wenn Du Wurmi überfährst, dann bin ich echt stinksauer, dann rede ich nie mehr ein Wort!“ Jakobs Mama hätte diese Aussage sicherlich begrüßt und wäre unmittelbar zur Tat geschritten, wenn sie Jakobs Ankündigung hätte hören können.
„Hmm“, grübelte Jakob. „Wie breit würde der Wurm wohl werden wenn man da drüber fährt?“
Mit diesen Überlegungen war er jetzt erstmal ein paar Minuten alleine. Die nutze er auch bereitwillig, um versonnen der Fortbewegungstechnik seines neuen Freundes zuzusehen.

Nach einer ganzen Weile, für Jakob jedoch noch viel zu früh (denn er war noch nicht fertig mit seinem Studium), hörte man vom Haus her durch das geöffnete Toilettenfenster die Klospülung rauschen, und eine sichtlich wieder beruhigte Mama trat aus dem Haus auf die Garagenauffahrt.
„Komm Jakob, beeile Dich jetzt und steige ins Auto. Es ist schon sehr spät und, du willst doch pünktlich zur Schule kommen.“ Mit diesen Worten begab sich Jakobs Mama ohne Zögern zum Auto, stieg ein und startete den Motor. Jakob saß noch immer in der Hocke vor dem Wurm, dem er gerade mit einem Stöckchen den Weg versperrte. Fasziniert beobachtete der kleine Naturkundler, wie Wurmi sich ruckartig zusammenzog. Nach einer weiteren, jetzt etwas nachdrücklicheren, Stockattacke ringelte sich er sich sogar zusammen, und schien den Stock wie eine Schlange umschlingen zu wollen.
Jakob wurde ganz aufgeregt, und vor Begeisterung entfuhr ihm der ein oder andere Gluckser: „Booooohhh, Mama…. Weißt Du was der gerade macht?“
„Jakob, komm jetzt!“, rief die gestresste Mutter aus dem geöffneten Fenster ihres Autos ohne auch nur im Geringsten auf die Worte ihres Sohnes einzugehen.
Jakob stand jetzt zögerlich auf. Den kleinen Stock noch in der Hand, beschleunigte er Richtung Auto. Bevor er seinen Ranzen in den geöffneten Kofferraum werfen konnte, musste er sich erst von seinem Stock trennen. Etwas wehmütig ließ er ihn einfach fallen und schaute noch mal zu Wurmi.
„Jakoooooob komm jetzt!“, rief ihn seine Mutter jetzt bereits ziemlich ungehalten. Wie aus einem Traum gerissen, löste sich Jakob vom Anblick seines sich windenden Freundes und stieg ins Auto. Seine Mutter fuhr jetzt langsam die Garagenauffahrt hinunter, und als sie kurz anhalten musste um querenden Autos die Vorfahrt zu gewähren, schnallte Jakob sich wieder ab und riss mit den Worten:“ Mama warte, halt an. Ich muss noch etwas nachsehen!“ die Wagentür auf.
„Halt Jakob, was soll das. Du kannst doch nicht einfach aussteigen. Was willst Du denn?“ rief ihm seine Mama hinterher.
Hätte Jakobs Mama die Antwort bereits erahnt, sie hätte auf die Frage verzichtet.
„Ich muss mal gucken wie er jetzt aussieht.“, war Jakobs kurze Antwort.
„Wie wer wie aussieht? Das verstehe ich nicht!“ Gab Jakobs Mama etwas angenervt zurück.
„Ach nichts Mama!“
„Wie, ach nichts? Ich hätte schon gerne eine Antwort, wenn ich Dich frage!“
„Ach Mama, das willst Du aber gar nicht wissen!“
Jetzt ging Jakobs Mama endlich ein Licht auf. Das Blut schoß ihr in den Kopf der Puls beschleunigte sich erneut in kritische Bereiche, und ihr sonst so sanftes Wesen erfuhr eine Metamorphose ins Gegenteil. „Du bewegst jetzt sofort Deinen Hintern ins Auto, sonst… ja sonst“
Jakob blieb augenblicklich stehen. Diesen Tonfall seiner Mutter kannte er. Jetzt galt es, keinen Fehler mehr zu machen. Und ein Fehler wäre sicherlich, sich weiter für das Aussehen seines Studienobjekts zu interessieren. Wie von einem Gummiband gezogen, bewegt sich Jakob im Rückwärtsgang wieder zur geöffneten Autotür, stieg ein und schnallte sich wieder an. Seine Mama beruhigte sich auch wieder ein wenig.
„Das war knapp.“, überlegte Jakob.
Sie waren noch nicht weit gekommen, da hörte seine Mama ihren Kleinen leise auf dem Rücksitz schluchzen.
„Was ist los Jakob? Weinst Du etwa?“, fragte sie besorgt nach.
Schlagartig wurde das Weinen lauter und dicke Tränchen kullerten dem kleinen Mann über die Wangen.
Die Augen rot unterlaufen und mit ganz viel Rotz in der Nase schluchzte Jakob seinen ganzen Kummer heraus: „Du hast Wurmi überfahren, Mama.“, Pause, Stille.
„Jetzt weiß ich nicht ob er noch lebt oder nur verletzt ist!“
Jakobs Mama war in diesem Moment erstaunlich gefasst. Aber das kannte man ja schon von der Situation damals im Meer vor Phuket, als das Ausflugsboot plötzlich weg war, und Sie und Jakob alleine auf dem Meer schwammen (der Film) “Open Water“ lässt grüßen. Wenn es drauf ankommt, mutieren Mütter zu Helden. Das Schluchzen ihres Sohnes ließ sie alles vergessen. Sie war besessen von dem Gedanken ihren Sohn zu trösten ihm den Schmerz zu nehmen.
„Ach rede doch keinen Brei, Jakob. Du wolltest doch nur gucken wie der Wurm aussieht wenn ein Autoreifen drüber gerollt ist!“, dabei schaute sie forschend in den Rückspiegel um die Reaktion ihrer Worte zu kontrollieren.
„Und glaube mir, mein lieber Sohn, der lebt nicht mehr. Der ist platt wie ein Blatt!“. Jetzt schaute sie schon verschmitzt in den Rückspiegel, aber von Jakob war kein Laut mehr zu hören.
„Ja,“ fuhr sie fort. „Papa würde sagen <Den haben mer platt gemacht!> Du und Papa ihr braucht zum Plattmachen Karate ich mach das ganz locker mit meinen Sommerreifen!“
Jetzt war es vorbei mit der Ruhe im Auto. Noch mit Rotz in der Nase und wackeliger Stimme konnte sich Jakob vor Lachen kaum noch einkriegen. Erst nach einigen Minuten, und schon fast an der Schule angekommen, gelang es Jakob und seiner Mama, die zwischenzeitlich ebenfalls Probleme mit dem Lachen bekommen hatte, wieder normal zu atmen.
„Ach Mama, du bist klasse!“, hauchte Jakob von hinten. „Aber nach der Schule geh ich gucken und..!“
„Schluss jetzt!!!!!“.

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