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Rasentherapie

Jetzt sehe ich meinen Rasen mit ganz anderen Augen

„Schau doch mal, hier gibt es im Ramsch-Laden unten, da wo früher der  Kaisers war, ein Planschbecken für unseren Kleinen!“

Diese Nachricht erreichte mich nur Minuten nachdem ich das Haus betreten hatte, und ich mich an der mich umfangenden Kühle erfreuen konnte. Draußen hatte endlich der Sommer Einzug gehalten und uns Temperaturen von ca. 30° geschenkt. Das sollte auch so bleiben, zumindest, was die Meinung der Wettermacher anging.

„Toll!“, antwortete ich etwas missmutig.

Das würde mal wieder Arbeit bedeuten. Der Rasen müsste vorab gemäht werden. Das war aber nicht so einfach möglich, da mein Rasenmäher bereits seit 2 Wochen kaputt am Rand der Terrasse geparkt war. Vor Jahren hatte ich mir nach langem Zögern so einen Aufsitzmäher gekauft. Da konnte man zwischen Nachhausekommen und Abendtermin noch schnell ohne Kleiderwechsel, quasi im Anzug, den Rasen mähen. Seit ca. 2 Wochen war aber Asche mit „Ich mach mal schnell den Rasen“. Der Mäher wollte einfach nicht anspringen.

Also führte ich mein <TOLL> als Antwort weiter aus: „Das Planschbecken ist ja 236 x 153 cm groß, da muss ich aber vorab den Rasen mähen, und Du weißt doch….“

„Dann lässt Du den Mäher eben abholen und leihst Dir einen bei Nachbars.“

„Ja wer hat denn hier einen Rasenmäher?“, versuchte ich verzweifelt zu kontern.

„Alle haben einen Rasenmäher, mein Schatz!“, kam es süffisant aus der Frauenecke.

 

 

„Ja aber das sind alles so kleine Schiebeteile….“, weiter kam ich nicht. Das Wort wurde mir einfach abgeschnitten.

„Dann schiebst du eben, aber du kannst auf gar keinen Fall dem Kleinen das Planschbecken vorenthalten, nur weil der Rasen nicht gemäht ist.“, dabei schaute mich mein Weib so lieb an, dass jeglicher Restwiderstand zu schmelzen begann.

Ich startete noch einen halbherzigen Versuch, um die eigentlich dringend notwendige Gartenarbeit herum zu kommen, indem ich zum Ausleihen alle Nachbarn ansteuerte, die mit Sicherheit um diese Uhrzeit noch nicht zuhause waren. Es half aber nichts.

„Nun geh doch mal zu Gitte und Herbert, die haben bestimmt einen! Letztens habe ich Gitte noch…“.

„Jaja, ist ja schon gut!“, mein letzter Ausweg war verstellt. <Gitte / Herbert> das war das Zauberwort um die Standardargumente wie „Brauche Hilfe und habe keine“, oder „Kann ich nicht machen, weil mir das nötige Werkzeug fehlt.“ Vom Tisch zu wischen. Die beiden haben einfach fast immer alles.

Und sie hatten tatsächlich und waren sogar anwesend. Allerdings musste ich mich mit einem kleinen Benzinmäher ohne eigenen Antrieb und 50er Schnittbreite begnügen. Als Rache für die unerfreuliche Arbeitsbeschaffungsmaßnahme hatte ich mir vorgenommen, ganz besonders zu leiden, während ich die ca. 800qm Rasenfläche mit dem dafür absolut unterdimensionierten Gerät bearbeitete.

Dann ging es los. Am Vergaser Sprit pumpen, dann den Sicherheitsgriff betätigen und beherzt am Anlasserseil ziehen. Brummmmmmm, das Ding sprang doch unverschämter Weise ohne Murren an. Das Schieben war etwas mühsam, mir aber noch bekannt aus den Zeiten vor meinem Aufsitzmäher. Als ich die erste Längsbahn bewältigt hatte, war der Fangkorb voll und musste geleert werden. Dann ging es weiter mit einem kleinen Bogen um das Erdhummelnest.

„Oh – wir haben Erdhummeln im Garten?“

Der nächste Bogen wurde dann um einen ca. 2 qm großen Fleck mitten im Rasen mit unscheinbaren aber wunderschönen Blümchen gemacht. Hatte ich bislang noch gar nicht bemerkt. Habe mir dann vorgenommen, gleich im Internet nachzuschauen, was das denn ist. Sicher handelte es sich um Unkraut, aber so schön…

Am Rasenrand an den Lavendelbüschen flogen wahre Scharen von bunten Schmetterlingen hoch. Es war eine Wonne, sie beim Umherschwirren zu beobachten. Auch der kleine Ameisenhügel unter der Keramikkugel wurde von mir verschont. Dafür habe ich aber ganz intensiv an den Beetkanten gemäht und mir die eine oder andere Umgestaltung der Beetflächen überlegt. Über all diese kleinen und großen Wunder in meinem Garten hatte ich ganz das Jammern vergessen. So war ich dann nicht nach 20 Minuten (Rekordzeit mit Aufsitzmäher) sondern erst nach 2 Stunden fertig und klatschnass geschwitzt. Anschließend habe ich mir das Ergebnis angesehen und war mächtig stolz auf meine Mr-Wet-TShirt- Figur.

Überall im Garten summte und schwirrte es. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass die ganze Truppe der vom Mäher verschonten Hummelvölker in friedlicher Eintracht mit den Schmetterlingen zum <Dankeschöntanz> angetreten war. Der Rasen strahlte in makellosem Grün und die Luft war erfüllt von diesem unvergleichlichen Duft frisch geschnittenen Grases.

Als ich den Mäher wieder ablieferte, natürlich vollgetankt mit bestem garantiert bioethanolfreiem Stoff, habe ich der Form halber bei Gitte noch etwas gemosert:

„Kannst Du Dir nicht vielleicht mal einen Mäher mit Antrieb kaufen, wenn Du schon so ein Teil verleihen musst?“

„Wie, hat er nicht funktioniert?“, war die besorgte Gegenfrage.

„Doch, eigentlich sehr gut sogar!“, musste ich zugeben.

„Du bist auch ganz schön ins Schwitzen gekommen, wie ich sehe!“

„Ja“, habe ich da bereits etwas nachdenklich geantwortet. „Auf jeden Fall habe ich jetzt eine ganz andere Beziehung zu meinem Rasen!“

Das habe ich lustig gesagt, aber doch … eigentlich … ernst gemeint.

Und das alkoholfreie Bier, das ich anschließend auf der Terrasse getrunken habe, köstlich und so erfrischend….

Um es abzukürzen, der kleine Pool für 19,90 Euro wurde noch am selben Tag gekauft, mitten auf dem frisch gestutzten Rasen aufgebaut und zur Hälfte mit Wasser befüllt. Jakob, unser 8 jähriges Energiebündel und offizieller Grund für die Poolaktion, stand ausgezogen und schlotternd mit den Füßen im eiskalten Wasser. Hineinlegen war nicht möglich, dafür war es einfach zu kalt. Ich konnte noch verhindern, dass Jakob seinen, durch kaltes Wasser an warme Füße hervorgerufenen, Harndrang nicht zum Aufwärmen des Beckenwassers ausnutze. Allerdings wurde das Planschbecken nicht verlassen (Der Pool war ja gerade erst erobert worden, und erobertes Terrain gibt man doch nicht zwanglos wieder preis.), sondern es wurde im hohen Bogen von drinnen nach draußen gepinkelt.

Jakobs Mama hat dann noch ca. 50 Liter kochendes Wasser gemacht und nach und nach in das eiskalte Poolwasser gekippt.

Weder Jakobs Mama noch ich konnten jetzt dem Ruf der Abkühlung und den Lockrufen unseres Kleinen widerstehen. Es war herrlich. Und die Stunden danach fühlten sich an wie Urlaub.

Dann als die Sonne bereits richtig lange Schatten warf, lag Jakob vom Poolwasser auf unkritisches Niveau herabgekühlt unter der Kuscheldecke auf dem Schoß seiner Mama eingerollt und schaute mit uns verträumt in die untergehende Sonne.

Gleich, wenn ich nach Hause komme, werde ich auf dem Weg durchs Wohnzimmer zum Garten meine Kleidung verlieren und mit Jakob um die Wette tauchen. Mal sehen, wer länger die Luft anhalten kann. Und dann hoffe ich, dass mein Aufsitzmäher noch eine längere Zeit in der Werkstatt bleibt. Gitte hat bestimmt nichts dagegen, wenn ich mir ihren viel zu kleinen “Schieber“ nochmal ausleihe. Ach … was… ich könnte mir doch auch so einen kleinen Mäher kaufen. Das schont den Großen bestimmt ganz enorm. Dann habe ich zwar abends nicht mehr so viel Zeit… aber wofür muss ich die denn auch haben? Und solange das Wetter so bleibt und der Pool kein Leck bekommt……

Kategorien: Aus meinem Leben | 3 Kommentare

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Kommentare

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A. Außem am :

Hallo lieber Autor, danke für diese Geschichte. Sie hat mir mehr als nur ein Schmunzeln entlockt. Die wahren glücklichen Momente finden wir oft in der Verbundenheit mit der Natur und den Menschen, die wir lieben. Ich freue mich schon auf die nächste Geschichte. Jakob habe ich sofort in mein Herz geschlossen. Auguste

Gitte am :

Hallo Werner, heute hast Du Dir ja wieder den "viel zu kleinen Schieber" (Motznachbar)über Deinen Rasen gejagt...trotzdem lege ich Deine "neue Beziehung zu Deinem Rasen" in den poetischen Rasenfangkorb, da Du mir eben von einem "Gocart-Rasenmäher" vorgeschwärmt hast, der sogar auf der Stelle wenden kann!!! Tipp: es gibt schon fernlenkbare Exemplare, die man mit dem Bier in der Hand, auf der Terrasse liegend, bedienen kann :o)

Werner Leusch am :

jooow, das Gokart wäre mehr für den schnellen Max. Allerdings könnte ich mich mit so einem Fernsteuerteil schon anfreunden. Verschont der auch Erdhummelnester?

Sara am :

Nie weiß ich, welche der Geschichten ich am besten finde! Sie sind allesamt klasse!

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