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Schliebmich? Tag -X + 1

Die Selbstzweifel nagen an der Substanz, aber die Herausforderung wird angenommen. Ein Mann im unerbittlichen Kampf um Gedeih und Gramm.

5:30 Uhr
Der Wecker piepst vernehmlich. Wecker piepsen heute eben. Klingelnde Wecker gibt es nicht mehr. Ich hau‘ das Ding aus und döse wieder weg.

Wer hat den Wecker eigentlich so weit weggestellt? Das Teil fängt nach ein paar Minuten schon wieder an zu fiepsen, diesmal nur lauter. Ich muss mich recken, um ihm endgültig den Garaus zu machen. Zumindest bin ich jetzt wach genug, um erste Gedanken ans Aufstehen verschwenden zu können.

5:36 Uhr
Da war der erste Gedanke: „Ich muss dringend mal wohin!“

5:38 Uhr
Wo ich jetzt schonmal hier bin, kann ich ja auch direkt mal nachsehen, ob die Waage noch immer kaputt ist. Wunderbar, jetzt sieht die Sache schon besser aus. Der Zeiger zeigt jetzt sichtlich weniger an. Aber das T-Shirt ist immer noch zu kurz. Schade für das T-Shirt.      
Mein Schatz kommt verschlafen ins Bad und begrüßt mich noch leicht lallend (die Sprechmuskeln sind noch nicht richtig auf Touren): „Na mein großes Dickerchen, hast Du gut geschlafen?“  
Ich habe zwar gut geschlafen, aber das mit dem Dickerchen nehme ich ihr heute etwas übel. Eigentlich begrüßt sie mich immer so, oder so ähnlich. Und eigentlich war das bisher auch ok, denn bisher war ich mir auch stets meiner strammen männlichen Figur bewusst. Da gab es keinen Zweifel an der eigenen Attraktivität. Schließlich habe ich ja bis vor ein paar Jahren noch regelmäßig und ziemlich enthusiastisch Sport gemacht!
„Wieso sagst Du Dickerchen zu mir?“, frag ich dann auch direkt nach.
„Ach mein Schatz.“, höre ich sie jetzt schon deutlicher artikuliert sagen: „Du siehst doch immer klasse aus. Du hast eben nur einen kleinen Bauch gekriegt in letzter Zeit. Und etwas dicke Bäckelchen, aber keine Bange Du bist noch immer der attraktivste Mann!“
Wie wunderbar Frauen doch eine noch so heftige Kritik verpacken können, das ist faszinierend. Aber Achtung, wenn sie es nicht mehr nett verpacken, tut’s weh. Frauen können ja so gemein sein (rein theoretisch natürlich!).

5:42 Uhr
Somit befriedigt mich ihre Aussage auch nicht wirklich. Ich muss also noch mal nachfragen um zu verstehen:“ Findest Du mich wirklich noch attraktiv?“, oh grober Fehler, da stehen Frauen nicht drauf!
Meine Frau guckt jetzt auch erwartungsgemäß leicht angenervt: „ja ich finde dich attraktiv, aber ..“
„Was aber?“, bohre ich nach und laufe damit Gefahr, dass sie aufhört mit dem netten Verpacken.
„Aber du hast eben etwas zugelegt in letzter Zeit.“, fährt sie unwillig fort.
„Du meinst also ich sei dick geworden?“ Das macht mich jetzt aber doch etwas unsicher. Ist das jetzt der Begin einer Krise? Kommen Männer in die Wechseljahre? Wie ist es, wenn man dement ist? Kann man sich dann noch daran erinnern, wie es war als man sich an alles erinnern konnte? Werde ich Probleme mit der Prostata bekommen und … Inkontinenz… ich mag gar nicht daran denken!
Ich muss wohl ein ziemlich seltsames Gesicht gemacht haben, denn meine Frau schaut mich fragend aber lieb an.
„Du bist klasse mein Schatz. Ich liebe Dich!“sagt sie glaubwürdig und mit ihrem fast charmantesten Lächeln. Ich stelle erleichtert fest, dass sie mich wirklich lieben muss. Zumindest hat sie das Verpacken noch nicht eingestellt.
„Aber…? Da kommt doch jetzt noch ein ABER?“ hake ich dummerweise nach. (Wie war das mit der Demenz? Ich weiß es doch besser!)
„Meine Güte, du nervst!“  sagt sie jetzt klar und deutlich.
Das ich mich jetzt ein weinig begossen fühle, bin ich ja auch selber Schuld. Etwas verschämt schaue ich zur Waage. Der Zeiger steht exakt auf NULL, also alles in Ordnung, zumindest mit der Waage.

5:53 Uhr
Ich muss wieder an die Inkontinenz denken. Dabei fällt mir auf, dass ich den weitaus schlimmeren Part vergessen habe. Inkontinenz kontra Impotenz, eine Katastrophe kommt selten allein. Ich habe mal gelesen, dass man dieser Entwicklung entgegenwirken kann, indem man seine Stimmlage nach unten, also in den Bauch, verschiebt. Die dadurch ausgelösten tiefen Resonanzen im untersten Unterbauch sollen die Durchblutung fördern und dem vorzeitigen Ruhestand entsprechender Regionen entgegenwirken.  Ich werde also ab jetzt eine Oktave tiefer sprechen.
Mein Schatz zupft an meinem T-Shirt: „Ist wohl eingelaufen das gute Stück oder ist die Füllung etwas üppiger geworden?“, dabei lacht sie so, dass ich ihr nicht böse sein kann.
„Wahrscheinlich hast du ja Recht!“, brumme ich ihr zwischen 50 und 100 Hertz entgegen.
„Und weil ich mein T-Shirt so liebe, und weil ich wahrscheinlich nie mehr so ein tolles kuscheliges T-Shirt finden werde, habe ich beschlossen, etwas dagegen zu unternehmen.“, brumme ich weiter, dass es nur so rollt in meinem Unterbauch.
„Damit das aber klar ist, ich tue etwas gegen das Einlaufen meines Kuschel-Shirts, damit es mir nicht zu klein wird, das gute Stück.“, beende ich meinen Baritonvortrag.
„Und womit geht es los?“, fragt mein Schatz neugierig und etwas verunsichert (wegen meiner Stimme wahrscheinlich).
„Mal langsam, morgen werde ich eine Strategie zum Projekt “Rettung Lieblings-Shirt“ ausarbeiten. Heute habe ich keine Zeit und auch (zugegebenermaßen) keine Lust. Aber „Gut Ding will Weile haben, bloß nichts übers Knie brechen.“, antworte ich mehr zu mir selbst.

Ein kurzer Blick in den Spiegel beruhigt mich etwas. Eigentlich hab ich noch eine ganz gute Figur… zumindest wenn ich etwas den Bauch einziehe. Nicht viel, nur ein wenig, das reicht schon. Dann noch etwas die Oberkörpermuskeln, Oberbauch, Brust, Schulter und Oberarm anspannen und …. Perfekt, naja… fast perfekt.
Meine Frau verlässt etwas irritiert das Bad. Mein Entschluss festigt sich zunehmend. Ich werde mein Lieblings-T-Shirt retten! Auch wenn mir meine Bäckelchen und die Speckstellen egal sind, mein T-Shirt ist es nicht!

21:00
Ich hab’s mir gerade gemütlich gemacht und bequeme Klamotten angezogen (u.A. ein anderes T-Shirt XXL), um noch ein Stündchen die Zeit auf dem Sofa zu genießen. Die Waage hat dabei so dagestanden und mich quasi gerufen: „He Süßer komm und schau, ob Du noch gut aussiehst und ob du dich wohlfühlst in deiner Haut.“ Kann mir eine Waage wirklich sagen, wie ich aussehe und wie wohl ich mich fühle? Ich habe mich ihr verweigert. In solchen Situationen muss Mann auch schonmal Stärke zeigen. Gleich kommt der letzte Bulle im Fernsehen. Als Begleitung gibt’s eine leckere Käseplatte mit einer vortrefflichen Auswahl an köstlichsten Hart- und Weichhkäsen, dazu Feigensenf und ein passendes Weinchen. Das ist der perfekte Tagesausklang.
Kategorien: Aus meinem Leben | 0 Kommentare

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