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Halbe Herzen 20

Das Dachfenster
Auch wenn es kein Bild von Moni ist, so ist es einer meiner Lieblingsausblicke. Das alte Dachfenster im Haus von Uroma in der Eifel. Ein Traum. Aber die Geschichte ist noch viel schöner.

Leise legt sich der Schnee auf das halb geöffnete Dachfenster, Ab und zu verirrt sich eine Schneeflocke und trudelt ins Innere des Zimmers. Peter schläft, wie er seit langem nicht mehr geschlafen hat.

 Er hat sich eingerollt unter seiner Decke, und als Unterlage dienen ihm alte Umzugskartons die er auf dem Flur vor dem Zimmer gefunden hat. Eine große weiche Schneeflocke trudelt, getragen von einem Lufthauch, ins Zimmer und sinkt sanft hinunter auf Peters Augenlid, wie ein zarter Kuss auf seine Seele. Es ist bereits hell geworden und das Licht des strahlen blauen Winterhimmels wird leicht gedämpft durch die zentimeterdicke Lage Schnee auf dem Dachfenster. Peter blinzelt vorsichtig ins Tageslicht und reibt sich verschlafen die Augen. Sein Atem zeichnet kleine Wolken in die Sonnestrahlen, die durch den Spalt des leicht geöffneten Fensters fallen. Sein erster Gedanke lässt seine Hand in die Hosentasche gleiten. Sein Schatz ist noch da und ruht wohl geschützt in seiner weichen Verpackung aus Watte.
Erinnerungen
Peter setzt sich auf. Mit dem Rücken an die Wand gelehnt und die Decke fest um sich gezogen nimmt er seinen Schatz aus seiner schützenden Hülle und legt ihn in die geöffnete Handfläche. Liebevoll betrachtet er dieses kleine runde Schmuckstück. Es fühlt sich warm an, wie es da im Sonnenlicht funkelt. Liebevoll poliert er die glatte goldene Oberfläche des gebrochenen Herzens. Es zeigt, was er empfindet. Er kann sich nicht erinnern wo und wann er diesen Herzanhänger bekommen hat. Wahrscheinlich hat er ihn schon immer in seinem Besitz gehabt. Aber solange er es auch versucht, es will ihm nicht einfallen.
Seine Finger streichen sanft um das etwa münzgroße Stück des Herzens. Die glatte Oberfläche schmeichelt seinen Fingerspitzen, die bedächtig die Konturen nachfahren. Dann erreicht er die Bruchkante. Hart fühlt sie sich an, zackig und rau.
Die bittere Realität
Die Kälte kriecht, durch einen plötzlichen Lufthauch getrieben, unter Peters Decke und lässt ihn kurz erzittern. Hunger und Durst melden sich und treiben Peter dazu, endlich aufzustehen. Er schaut sich nochmal um in dem kleinen Raum. Sein Blick fällt auf das gemachte Kinderbettchen vor ihm. Als erneut Schnee vom Wind in den Raum getrieben wird, legt er seinen Schatz sanft auf die zugestaubte Decke des Kinderbettchen und schließt das Fenster.
Wieder meldet sich sein Magen, diesmal jedoch heftiger als zuvor. Die Erinnerung an das duftende Gebäck in der Backstube lässt das Wasser in seinem Mund zusammenlaufen und es in seinem Bauch lautstark rumoren. Auch wenn er sich hier auf wunderbare Art heimisch fühlt, so hilft das nicht gegen einen knurrenden Magen.
„So kann das nicht weitergehen!“, denkt er sich. „Aber zurück ins Heim gehe ich nicht! Das steht fest!“
Er nimmt die zerschlissene Jacke auf und verlässt den Raum in der Hoffnung vielleicht den alten Mann nochmal zu finden. Ein letzter Blick über die Schulter, als er durch die Zimmertür schreitet, lässt ihn abrupt innehalten. Sein Schatz, er liegt noch auf dem Bettchen. Er geht zurück und nimmt das kleine Schmuckstück vorsichtig auf von der staubigen Decke. Die Konturen haben sich scharf in den Staub gezeichnet und bilden einen perfekten Abdruck. Selbst der umlaufende Schriftzug tritt klar und deutlich als Spiegelschrift hervor. Belustigt bleibt Peter stehen und versucht die Schrift zu entziffern. Mit gedämpfter Stimme liest er: „Für alle Ewigkeit in Liebe Deine M….“. Mehr ist nicht zu lesen; der Schriftzug endet an der Bruchkante.


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