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Intoleranz und Wurst

Abhandlung über die Frage, warum Conchita gewinnt, der Schnürsenkel nicht reißt und mich das Einstecktuch zum Italiener macht!

Es lebe die Intoleranz.

Also, angefangen hat meine Intoleranz, oder besser meine Einsicht, dass ich ein scheiß intoleranter Sack bin, vor einigen Wochen in einem Schuhgeschäft. Da steh ich nun vor meinem Schuhfachverkäufer, halte ein wirklich geiles Paar Schuhe in der Hand und frage mich, ob es die zart rosaroten Schnürsenkel denn eventuell nachzukaufen gibt, wenn man sie denn mal nachkaufen muss, weil kaputt, zerrissen oder einfach nur verblasst.
Also frage ich: „Haben sie diese Schnürsenkel eventuell vorrätig, dann würde ich davon gerne zwei Paare zusammen mit den Schuhen erstehen.“
Der Mann, Typ kleiner Albaner oder Türke mit Italienerambitionen, schaut mich fragend an. Ganz klar, er hat nicht kapiert was ich will. Also wiederhole ich mein Anliegen: „Für den Fall, dass der Schürsenkel reißt, würde ich gerne ein Paar davon auf Reserve legen!“
„Wieso sollte er denn reißen?“, fragt er mich.

„Ich meine ja nur…. Der Schnürsenkel ist mit seiner Farbe schon ein signifikanter ja gar prägender Bestandteil des Schuhs!“, halte ich nochmal dagegen.
„Der reißt aber nicht!“, sagt er.
„Und wenn doch?“, frage ich.
„Warum sollte er?“, fragt er.
„Weil Schnürsenkel nun mal reißen!“, sag ich.
Er guckt mich an als sei ich von einem anderen Stern.
Ich halte ihm meinen noch am Fuß befindlichen Schuh hin und zeige, auf einem Bein hüpfend, auf den farblich nicht wirklich passenden Ersatzschuhriemen.
„Die deutschen Männer binden ihre Schuhe ja auch falsch!“, behauptet der kleine türkalbanische Italiener der vermutlich sowas von urdeutsch und lediglich eingetürkt ist. Ich Blödmann lasse mich auch noch auf eine Diskussion über Sinn und Unsinn diverser Schnürtechnicken ein.
Bis mir den Kragen platzt und ich die Bremse trete: „ Was denn jetzt, haben sie den Schnürsenkel oder nicht?“
„Nicht“, sagt er.
Ich kaufe die Schuhe trotzdem, aber nicht ohne darauf hinzuweisen, dass ich, bevor ich den Schuh trage, diese bescheuerte Italienschnürung in eine urdeutsche umschnüren werde. Gut, so unsinnig ist die Schnürung ja nun wirklich nicht, aber voll am Thema vorbei.

Einige Wochen später beim Hemdkauf für unseren besondern Anlass, kam der wirklich fachkundige und absolut unaufdringliche Fachberater in Sachen Herrenausstattung vom Hemd, auf die passende Hose, den passenden Gürtel und (natürlich) passende Krawatte, auf den dazu fantastisch harmonisierenden Anzug. Die Socken zu den empfohlenen und (reduzierten) champagnerfarbenen Schuhen gab’s dann als Bonus. Ich war verblüfft. Wie hatte der das gemacht? Ich wollte doch nur ein Hemd! Dann aber kam sein Fehler, der kurzzeitlich den Geschäftsabschluss in Gefahr brachte.
„Dann noch dieses Einstecktuch“, sagte er mit stolz über sein für mich zusammengestelltes Ensemble, „und der Italiener ist perfekt!“
Rums, Fehler, großer Fehler, ich bin ich und nicht Berlusconi, nicht Adriano Celentano auch nicht Arnold Schwarzenegger oder Rudi Carrell um mal international zu argumentieren. Ich bin ich und sehe in den Klamotten einfach geil aus, basta!
Aber der Herrenausstatter war besser, als ich zu glauben gewagt hatte. Er hielt mir ein Ersatzpaar Schnürsenkel zu den neuen Schuhen hin mit den Worten: „Hier tue ich ihnen noch ein Ersatzpaar Schnürsenkel dazu. Die sind schon sehr speziell und wer weiß, ob sie, falls die Schnüre mal reißen sollten, diese Farbe nochbekommen“.
Dieser Mann hatte mich verstanden, ohne dass ich etwas gesagt hatte. Ich habe dann auch den angebotenen Espresso angenommen, natürlich heiß, süß und stark, wie ihn eben der Italiener trinkt.
Tja und jetzt kommt mir diese Conchita Wurst in die Quere. Muss ich jetzt zusätzlich zu meiner Konvertierung zum Italiener auch noch schwul werden? Da treffen sich sämtliche Knödeltenöre und Kreissägen-Sopranessen Europas zu einem Wettstreit, wer denn das beste Lied, die beste Stimme und die beste Performance hat, und gewinnen tut jemand, der allein durch sein demonstratives Schwulsein die Toleranz der Nationen auf sich vereint. Hat eigentlich jemand registriert, wie scheiße das aussieht, schwarzer Bart auf champagnerfarbenem Abendkleid. Ähnlich schrecklich wie Minirock mit den unrasierten Beine meiner klapprigen Tante oder das unvermeidbare Männerballett auf der Karnevalssitzung. Mein vielleicht schwuler Herrenausstatter hätte mich erbost rausgeworfen.
Und weiß eigentlich jemand, wie scheiße ich mich jetzt fühle? Letztes Wochenende im Squash-Court habe ich meinen schwulen Spielpartner gnadenlos abgezogen und hatte Spaß dabei, quasi als Revange für die letzten beiden Male, als er nicht den Fuß bandagiert hatte. Er hat sich nichts anmerken lassen, aber was wird Europa dazu sagen. Ich habe einen schwulen Freund nicht gewinnen lassen! Zumindest die anderen Song Contest Teilnehmer sind tolerant genug nicht nachzufragen, ob vielleicht doch der eine oder andere Punkt……

Aber, ich lasse mich nicht verbiegen. Da kann die Welt sagen was sie will! Ich bleibe, was ich bin, egal ob ich damit weiterkomme. Und wenn ich mich zum tausendsten Mal hinten anstellen muss, weil ich kein Italiener bin oder gar Hetero. Ich werde auch weiterhin Pasta essen, weil ich sie so verdammt lecker finde und meinen Freund beim Sport besiegen, weil es einfach Spaß macht, auch wenn ich damit politisch total daneben liege.

Kategorien: Angepinntes | 0 Kommentare

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