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Von Sehnsucht und Heimweh Teil 3

Eine Frau aus dem Iran erklärt mir, was Heimat ist
der vorherige Teil kann hier gelesen werden

Wochen später
Mittlerweile ist das Pfingstlager vergessen. Unser Kleiner hat auch sein Lachen wiedergefunden und morgen fährt er mit Oma. Das hat er schon oft gemacht. Damals war zwar noch der Opa dabei, der die schlimmsten Eigenarten seiner Frau irgendwie unter Kontrolle hatte, aber wir sind uns sicher, das klappt auch mit den beiden alleine ohne Probleme. Und damit Jakob seine Lieblingshose (es kann nur eine geben, die unvergleichliche, einzig wahre…)  mit an die See nehmen kann, bin ich mit dem Teil zu meiner Lieblingsschneiderin, damit sie sich darum kümmert, dass ein neuer Reißverschluss die Hose wieder tauglich macht. Meine Lieblingsschneiderin ist vor etlichen Jahren aus dem Iran nach Deutschland eingereist, spricht ein nahezu perfektes Deutsch mit interessantem iranischem Einschlag, ist mit einem deutschen Mann verheiratet und hat eigentlich alles was ein Herz begehren kann, inklusive zweier bildhübscher bereits verheirateter Töchter.
„Warst du in Urlaub?“, fragt sie mich. Ohne eine Antwort abzuwarten redet sie weiter: „Oder fährst du später? Und wohin fährst du? Was macht dein Jakob und deine Frau?“
„Das kann sie unmöglich alles wissen wollen“, überlege ich. „Nicht alles auf einmal!“
„Warst du schon mal im Iran?“ fragt sie mich. Dabei betont sie das „I“ in Iran und zieht es für meine Ohren ungewöhnlich lang. Das „A“ fügt sich etwas kehlig hinter dem rollenden „R“ an.  Ich mag es, wenn sie „Iran“ sagt. Das hört sich irgendwie liebevoll und gleichzeitig stolz und ehrfürchtig an.
„Nein“, antworte ich wahrheitsgemäß. „Dort ist es mir momentan zu bleihaltig“.
„Nein, nicht in Iran. In den umliegenden Ländern, aber nicht in Iran!“
„Ich weiß, aber trotzdem, das wäre mir zu nahe!“
Sie schaut mich prüfend an. „Weißt du, wie schön Iran ist?“ Dabei betonte sie wieder das „I“ auf ihre eigene wohlklingende Art. Ihr Blick tastet noch immer mein Gesicht ab. Ich antworte nicht und überlege, ob ich mir vielleicht ein Bild vom Iran machen kann. Dort gewesen war ich noch nie. „Ob es dort außer Sand und Gestein noch was Anderes gibt“, überlege ich. Ich ertappe mich dabei, wie mir Bilder von den Gebirgen in Afghanistan in den Sinn kommen, mit kargen Lehmhäusern und unbefestigten staubigen Straßen.
„Nein!“ antworte ich und dabei fällt mir ein, dass von dort wohl die köstlichsten Pistazien kommen sollen. Dass der Iran meines Wissens gemäßigt ist in Politik und Fanatismus. Ich schäme mich etwas! Ich weiß nichts über dieses Land!
Sie bemerkt wohl meine Unsicherheit und zeigt mir auf ihrem Handy ein kleines Video aus ihrer Heimat. Wunderbare grüne Gärten, eine traumhafte Villa auf einem Felsen mit Blick auf ein stahlblaues Meer. Dahinter ein Sonnenuntergang, wie man ihn sich nicht vorstellen kann, weil die Wirklichkeit fantastischer ist als die Fantasie.
„Weißt Du, ich habe viel geweint in den letzten Wochen. Immer Regen, kalt und nass und dunkel war es“. Sie hält noch immer ihr Mobiltelefon in der Hand. Das Video ist längst zu Ende und auf dem Display ist die erste Einstellung als bewegungsloses Bild zu sehen.
„Die Leute in Iran, das Wetter, die Parks“, fährt sie fort. „Ob arm oder reich, sie gehen alle in die Parks mit Käse und Brot und singen und machen Musik. Sie leben, weißt Du?“
Kategorien: Aus meinem Leben | 0 Kommentare

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