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Der Hilferuf

Eigentlich dem Buch verbehalten, aber jetzt doch auszugsweise im Blog.
Jakob ist der perfekte Schauspieler. Und diese Fähigkeit bringt seinen Papa in arge Bedrängnis. Gewitzter Lausebengel trickst vermeindlichen Räuber aus.

Unser 6jähriger Jakob stand vor dem Spiegel im Bad und betrachte sich aufmerksam bei der Artikulation diverser Hilfe- und Protestrufe. Offensichtlich gefiel er sich, so wie er da stand, pudelnudel mit frisch geputzten Zähnen, gewaschenem Gesicht und Händen.
„Hiiiilfe Mama, komm bitte!“ Dabei kontrollierte er im Spiegel seine Mimik und Körperhaltung. „Mama, komm schnell, Mama. Ich habe Angst vor meinem Vater!“

Die zweite Version war zwar wesentlich flehender, aber wohl doch nicht so auf dem Punkt. „Hilfe, Hilfe mein Vater hat sich nicht unter Kontrolle! Mama, komm schnell, ich habe Angst vor Papa! Mama Hilfe!“ Prima das passte, das war’s, darauf musste eine Reaktion kommen.
Jakobs Papa stand derweil im Flur und beobachtete seinen kleinen Halunken durch den Türspalt. Kopfschüttelnd und mit gewissem Respekt vor den Ideen seines Sohnes und ganz besonders vor dem Ehrgeiz diese Ideen möglichst perfekt umzusetzen, stand er da und ließ es einfach geschehen. Gleich würde Jakobs Mama ganz nervös hochrufen, ob sie kommen solle, um das Zubettbringen ihres Schützlings zu übernehmen. Sie würde ganz nervös sein, weil sie befürchten würde, Jakobs Papa, der momentan offensichtlich mit seiner Aufgabe als Vater überfordert zu sein schien, noch mehr aus der Fassung zu bringen.

Jakobs Papa musste bei diesem Gedanken allerdings etwas lächeln. Damals, vor ca. 3 Jahren waren Jakob und sein Papa an einem dunklen regnerischen Herbsttag unterwegs auf einem „Nachtspaziergang“. Hierzu suchten sie sich die dunkelsten Ecken aus. Dabei war kein Busch abgelegen genug, keine Pfütze zu tief und keine Ecke zu dunkel. Jakob war komplett in gelben Ostfriesennerz gehüllt. Seine Beinchen bedeckte eine Matschhose, die sich unten um den Stiefelschaft stülpte. So ausgerüstet hätte Jakob tauchen können, ohne nass zu werden. Jedenfalls war der kleine Mann auf seinen kurzen Beinen mit dem lieben Gesicht, das vorwitzig unter Mütze und Kapuze hervorlugte, zum klauen süß.
Sein Papa war weniger putzig anzuschauen. Bekleidet mit dicken Springerstiefeln und einem dunkelgrau-braunem Fliegermantel, der bis zu den Knöcheln ging und dem breitkrempigen Hut auf seinem Kopf, sah er eher so aus wie jemand, vor dem man lieber die Straßenseite wechselt. Der Mantel war an den Schultern zusätzlich ausgestellt, was den sowieso nicht gerade zierlich geratenen Mann noch wuchtiger erscheinen ließ. Hagridge aus Hogwarts hatte nicht wenig Ähnlichkeit mit Jakobs Papa, zumindest in diesem Outfit.
Nachdem die Beiden so ca. eine halbe Stunde unterwegs waren, wollte Jakob den Spaziergang beenden. Dabei hatten sie sich gerade mal 100 Meter von Zuhause entfernt. Jakobs Papa war allerdings mit dem plötzlichen Abbruch ihrer Nachtwanderung nicht einverstanden. Wenn man alleine für das Anziehen seines Sohnes länger braucht, als der anschließende Spaziergang im Regen dauert, kann man verstehen, dass Jakobs Papa an dieser Stelle ein klares Nein aussprach.
„Papa, ich will aber jetzt nach Hause“
„Och, mein Schatz, wir sind doch gerade erst rausgegangen. Komm lass uns noch 'ne halbe Stunde draußen bleiben!“
„Was? Eine halbe Stunde, Papa das ist mir viel zu lange.“ „Weißt du denn überhaupt, wie lang eine halbe Stunde ist?“
„Nein, aber ich will trotzdem nicht.“
„Eine halbe Stunde ist so lang wie eine Sendung mit der Maus! Das ist doch nicht lang.“
„Papa, ich will die Sendung mit der Maus gucken! Das dauert auch nicht so lang, nur eine halbe Stunde. Papa, ich geh jetzt nach Hause!“
„Sag mal, hörst du nicht! Wir gehen jetzt nicht nach Hause. Noch nicht. Und komm bloß nicht auf die Idee, alleine loszudackeln. Es ist dunkel, stockdunkel, es regnet und hier laufen gelegentlich Leute rum, die ich nicht kenne. Also du bleibst bei mir.“

Kurze Zeit sah es so aus, als wäre das Thema damit gegessen, und Jakob hätte sich in sein Schicksal gefügt. Gemeinsam gingen sie noch ein wenig die Straße hinauf bis zu einer Abzweigung in einen kleinen dunklen Feldweg. Hier war es besonders gruselig, und Jakobs Papa erzählte von Räubern, die sich in den Hecken verstecken um alte Omas zu erschrecken, die dann aber den Räuber mit ihrer Gehhilfe ordentlich eins drüberbraten. Die Geschichte von der Ninja-Oma, die in schwarzem Mantel, schwarzen Stützstrümpfen, dunklem Dutt und orthopädischen Schuhen in dunkelbraun, den bösen Räubern aufgelauert hat, um sie dann zu verhauen bzw. sie mit ihrem Rollator zu verfolgen, wollte Jakobs Papa gerade erzählen, als Jakob plötzlich anfing humpelnd wegzulaufen.

Hier geht es zur Fortsetzung

Kategorien: Jakobs Tagebuch | 0 Kommentare

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