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Halbe Herzen 3

Erinnerungen
(was bisher geschah)

Jetzt hat Peter Zeit, sehr viel Zeit. Er drückt seine Nase an einem Schaufenster platt und beobachtet die Spielzeugeisenbahn dabei, wie sie Runde um Runde durch eine kleine künstliche Schneelandschaft dreht.

 Sein Blick folgt der Bahn auf ihrem Weg entlang der Gleise. Seine Gedanken verlieren sich in der Fantasie. Er findet sich wieder auf dem Mittelgang eines dieser Spielzeug-Waggons. Im Gepäckfach liegt seine Plastiktüte mit der Schlafdecke. Die Bahn fährt, erst langsam, dann immer schneller, bis die Landschaft nur noch als verschwommener Pinselstrich an ihm vorbeirauscht. Sein Leben - nichts als ein Brei aus unzähligen Pinselstrichen, ohne Kontur und ohne Motiv.
„Ich muss etwas ändern!“ überlegt Peter. Unsicher schaut er sich um und sein Blick wandert von einem Mitreisenden zum nächsten. „Sie alle haben ein Ziel, jemanden der auf sie wartet. Es ist ein schönes Gefühl zu jemanden unterwegs zu sein“ denkt er. Er lacht als er die Notbremse zieht. Kreischend und mit blockierenden Rädern wird die Fahrt abrupt gestoppt. Alles wirbelt durcheinander. Omas landen auf dicken Männern, Koffer auf den Köpfen kahler Herrn, Kaffeebecher im Kragen des Schaffners, seine Plastiktüte mit der Decke im Müllschlucker und er selber in den Armen seiner Mutter. Er weint. Lautlos rinnen dicke Tränen seine Wangen hinunter. In das Gefühl der Einsamkeit mischt sich Zuversicht. Ein Gefühl, das er vor langer Zeit vergessen hat, schleicht sich in sein Herz. Seine Hand greift prüfend in seine Hosentasche. Es ist noch da, sein kleines weiches Bündel. Das vergessene Gefühl wird immer deutlicher. Er begreift nicht, warum und woher diese Wärme kommt, die von ihm Besitz ergreift. Auf der anderen Seite des Schaufensters dreht die Bahn noch immer ihre Runden, ohne ihn und ohne Notbremsung. Peter sieht sein Spiegelbild im klaren Glas und direkt hinter ihm eine wunderschöne Frau in einem tristen grauen Mantel und mit einem strahlend rotem Schal um den Hals.
Vorahnung
Er dreht sich erschrocken um und schaut ihr für ein paar unendliche Sekunden in ihre leuchtenden warmen Augen. Sein Blick geht auf die Reise, ganz tief hinein in dieses unendlich weite Blau.
Mit einem Ruck reißt er sich panisch von ihr los und rennt. Auf seiner Flucht stolpert er gegen sie, die wie gelähmt nur dort steht und dem Jungen hinterherschaut. Sie hat diesen kleinen Kerl beobachtet. Wie gebannt hat sie ihm zugeschaut, wie er auf die Reise gegangen ist mit diesem Spielzeugzug. Peter spürt, wie sie ihm folgt und hört, wie sie ihm hinterherruft, er solle doch warten. Als er sich umdreht, sieht er sie jedoch noch immer dort stehen. Regungslos und stumm schaut sie ihm nach.


 

Kategorien: Halbe Herzen | 0 Kommentare

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