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Halbe Herzen 1

Rückblick
Der Sommer ist schon lange gegangen. Bis vor einigen Wochen war es noch erträglich unter freiem Himmel zu leben und zu schlafen, doch mittlerweile ist es besonders nachts sehr kalt und unangenehm. Hier, am Rand der Fußgängerzone in dem kleinen Stück Natur inmitten der Stadt, hatte der achtjährige Peter vor einigen Monaten sein Lager gebaut.

Dort hinten in den Büschen, unweit der frisch gestrichenen Parkbank, hatte er sich eine Bauplane zwischen tiefhängenden Ästen gespannt. Im Frühjahr war er ausgebüchst, aus dem Heim das jahrelang sein Zuhause gewesen war, und hatte sich seitdem erfolgreich dem Zugriff der Polizei entzogen. Den ganzen Sommer über war der Park sein Zuhause gewesen. Jetzt bot diese zugige Behausung keinen Schutz mehr vor der Kälte, die nachts unter seine Kleidung kroch. In letzter Zeit hatte es sehr oft und ausgiebig geregnet. Das Wasser lief dann in kleinen Bächen unter seine Plane, und nicht selten erwachte er inmitten einer kalten Pfütze.

Suche
Seit gestern war er auf der Suche nach einem neuen Zuhause. Auch wenn es ihm nicht leichtfiel, seinen Unterschlupf im Park hatte er aufgeben müssen. Dieser Umzug machte ihm das Herz schwer. Sein Lager war das Einzige, was ihm Halt gegeben hatte, wo er seinem Schicksal zumindest ein Bruchstück der Wärme und Geborgenheit abtrotzen konnte, nach der er sich so sehr sehnte. Oft genügte schon ein Kerzenstummel und achtlos weggeworfene Streichhölzer, und er konnte seine Seele an dem hellen Schein erfreuen, den die Kerze spendete, wenn er wie fast jede Nacht zusammegekauert unter seiner Plane saß und versuchte seine Einsamkeit und die Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit zu vergessen. Auch wenn es mühsam und gefährlich war, seinen Hunger zu stillen und sich vor dem Zugriff derer zu schützen, die nach ihm suchten, so war für ihn klar, dass er nie mehr zurück wollte, auch wenn es noch kälter, noch nasser und noch unangenehmer werden sollte.
Letzte Nacht hatte er auf einem Lüftungsgitter der Tiefgarage seinen Schlafplatz eingenommen. Obwohl es hier nach Abgasen roch, spendete ihm die warme aufsteigenden Luft aus den unteren Etagen des Parkhauses etwas Wärme. Zum ersten Mal seit Wochen ist er aufgewacht, ohne von Kälte und Nässe geweckt worden zu sein. Vielmehr hatte ihn der Lärm der ersten Autos, die nach der langen Nacht in die Garage einfuhren, aus seinen Träumen gerissen.
Endlich warm
Jetzt sitzt er dort zusammengekauert auf den Lüftungsgittern des Parkhauses. Er fühlt sich gut. Viel besser als noch Tage zuvor.
„Ich hätte schon früher hier hingehen sollen.“, überlegt er. Etwas unwillig streckt er seine Glieder unter der verschlissenen Decke, dann greift er voller Sorge in seine Hosentasche um zu prüfen ob noch alles da ist. Seine Hand umfasst zärtlich ein kleines Knäuel aus Watteresten, das mit einem Klebeband so umwickelt ist, dass an einer Seite eine Öffnung in Form eines schmalen Schlitzes entsteht.
„Alles in Ordnung“, schießt es ihm durch den Kopf. Es ist jeden Morgen das Gleiche. Erst wenn er den harten Kern inmitten des weichen Materials spürt, normalisiert sich sein Herzschlag. Sein Schatz darf nie verloren gehen, das hatte er sich geschworen!

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