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Halbe Herzen 2

Aufwachen
(was bisher geschah)
Mühsam erhebt er sich von seinem Bettlager. Die kalten Nächte draußen im Park waren nicht unbedingt gut für ihn gewesen. Die feuchte Kälte der vergangenen Nächte klebt noch an seinen Knochen, auch wenn er die letzte Nacht im Trocknen und Warmen verbracht hat.

Noch etwas steif von der Nacht, stopft er sein Hab und Gut in seine Plastiktüte und versteckt sie im nahen Buschwerk. Ohne Eile schlendert er los Richtung Einkaufsstrasse. 9:00 steht auf der großen digitalen Uhr über dem Eingang des Juweliers an der Ecke. Obwohl es noch so früh am Morgen ist, herrscht bereits ein reges Treiben in der Fußgängerzone.
„Hallo Josef“, ruft er einem alten Stadtstreicher hinterher. Josef hebt nur kurz die zittrige Hand und schlendert weiter.
„Wie geht es Dir Josef?“, will Peter wissen. Doch der alte Mann wendet sich nur kurz Peter zu. Seine wachen warmen Augen strahlen den Jungen an, bevor er im Eingang eines alten Hauses verschwindet.
Mehr will Peter im Moment auch nicht. Denn schon ein Blick von dem alten Mann spendet mehr Wärme als alle Decken dieser Welt.
„Aber von Blicken alleine kann man nicht leben“, scheint sich Peters Magen zu beschweren.
„Sieh’ zu, dass ich was zu tun bekomme, du Tagedieb“, knurrt er Peter an. Oft ist es Josef, der sein karges Essen und Trinken mit ihm teilt, aber gelegentlich findet Peter ein Brötchen oder ein weggeworfenes Schulbrot, die satte Kinder zurückgelassen haben. Und wenn es ganz besonders gut läuft, gibt ihm schon mal jemand ein oder zwei Euro. Dann kann er sich selber etwas Frisches kaufen. Dabei muss er sich richtig beherrschen, damit er sich nicht unnütze Sachen kauft. Star-Wars Figuren etwa oder Sammelkarten, denn damit kann man einen Magen nicht ruhigstellen.
Zeit
Peter lebt noch nicht lange auf der Strasse, dennoch hat er bereits eine feste Route, die er jeden Morgen abgeht und die ihn bisher meistens satt gemacht hat.
Heute ist die Straße irgendwie anders. Es sind viele Leute unterwegs, viel mehr als sonst üblich. Eine ganz besondere Atmosphäre liegt in der Luft. Auch riecht es anders, süß und würzig buhlen warme Duftwolken um Aufmerksamkeit, zusammen mit glitzernden Lichterketten in den Schaufenstern der Geschäfte. Er kennt den Duft, und die Lichter überall an den Einkaufsläden und in den Schaufenstern wecken Erinnerungen ganz tief in seinem Herzen. Er kann sie noch spüren die Hand, die seine einst fest umschlossen hielt, während er und seine Mutter durch dieses Wunderland liefen. Er meint sich noch erinnern zu können, wie seine Mutter, stets von Eile getrieben, mit ihm durch solche Lichtermeere geeilt war. Warum sie nie innegehalten haben, um diese wundervollen Dekorationen zu bestaunen oder um den köstlichen Duft aufzunehmen und zu genießen, hat sie ihm nie erklärt. Aber vielleicht hat er es auch nur vergessen.

Kategorien: Halbe Herzen | 0 Kommentare

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