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Halbe Herzen 6

Flucht
(was bisher geschah)
„Los, macht dass ihr hier wegkommt!“, die Wangen der netten Frau sind mir roten Adern durchzogen und ihre Augen weit aufgerissen. Ihr Blick verrät, dass sie mit der Wendung der Dinge alle andere als glücklich ist.
„Macht schon, bevor der Alte zurückkommt!“

Josef steht behäbig auf. Er versucht, so schnell es geht, den Raum zu verlassen, aber seine alten Knochen machen dabei nicht richtig mit.
„Lauf Peter, du bist schneller. Mir passiert schon nichts! Aber pass auf Dich auf!“, ruft er dem kleinen Jungen hinterher, der bereits aufgesprungen ist aber noch abwartet um seinem alten Freund zu helfen.
„Los, mach dass du wegkommst!“, harscht ihn Josef an. Peter zögert nicht länger und huscht an Josef vorbei, hinaus auf den Flur. Dabei wäre er fast gegen die Frau geprallt. Er wendet sich nach links und rennt hinaus auf den Hof und läuft dort beinahe dem Mann in die Arme, der sich mit einer hageren, verbissen dreinschauenden Frau über den Hof der Metalltür nähert. Der Mann greift nach dem Jungen und versucht ihn festzuhalten. Die hagere Frau keift laut auf, als Peter vor ihre Füße stolpert. Im letzten Moment kann er sich abfangen, dreht sich um und schaut direkt auf den Bauch des großen Mannes, der jetzt unmittelbar vor ihm steht. Der Mann öffnet seine Arme, um dem Jungen den Weg zu versperren und ihn zu fangen. Die hagere Frau hinter Peter breitet ebenfalls ihre Arme aus. Die einzige Chance, zu entkommen, besteht darin, abzutauchen. Der Fluchtweg nach hinten, nach vorne und zu den Seiten ist versperrt und fliegen kann Peter leider nicht. Er duckt sich blitzschnell und huscht durch die gespreizten Beine des Mannes hindurch, gerade in dem Moment, als dieser seine Arme schließt. Was er jedoch zu fassen bekommt, ist nicht Peter, sondern die hagere Frau. Sie ist geradewegs in seine Arme gestolpert. Jetzt stehen die beiden dort in unfreiwilliger aber inniger Umarmung. Trotz aller Hektik, halten die Zwei kurze inne und schauen einander verwundert, ja fast schon liebevoll an. Peter interessiert sich jedoch nicht für die Szene auf dem Hinterhof. Ihn interessiert nur, möglichst ungeschoren davonzukommen. Er rennt weiter, zieht sich hinauf auf die Mülltonne, die ihm am nächsten steht. Von dort kletterte er über den Container auf die Mauer und hastet hinüber auf die andere Straßenseite. Er läuft noch eine ganze Weile, bevor er atemlos im nahen Park anhält und sich im dichten Buschwerk versteckt.
Verloren
Schwer atmend greift er in seine Jackentaschen, als ob er sich vergewissern wolle, dass das alles auch wirklich geschehen ist. Die Taschen sind noch warm von den dort hineingestopften Brötchen, allerdings greifen Peters Hände ins Leere. Die Brötchen sind weg, verloren auf der Flucht. Ein eiserne kalte Fast greift nach seinem Herzen, lässt ihn in zur Salzsäule erstarren. „Mein Schatz!“ durchzuckt es ihn. „Mein Schatz ist weg!“ panisch durchsucht er seine Taschen aber die Suche bleibt erfolglos. Fast hätte er losgeweint. Dann nimmt er all seinen Mut zusammen und läuft los, dahin zurück, von wo er kurze Zeit zuvor geflohen war.

Kategorien: Halbe Herzen | 0 Kommentare

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